Die Kampagne »Stop FGM in Kurdistan«
Innerhalb weniger Jahre hat die Kampagne »Stop FGM in Kurdistan« die Voraussetzungen für eine effektive Bekämpfung weiblicher Genitalverstümmelung im kurdischen Nordirak geschaffen.
Über das Thema Genitalverstümmelung bei Mädchen und Frauen (FGM) wird heute in Zeitungen, im Radio und Fernsehen als auch auf der Straße offen diskutiert. Das war nicht immer so. Die Kampagne »Stop FGM in Kurdistan« hat durch gezielte Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit dafür gesorgt, dass aus dem Tabu ein öffentlich diskutiertes Thema wird. Jeder im kurdischen Nordirak kann heute wissen, was FGM für die Betroffenen bedeutet: Schmerz und Leid, große körperliche und psychische Schäden, oft lebenslange Angst und die Unfähigkeit zu sexuellem Lustempfinden. In der kurdischen Öffentlichkeit ist Genitalverstümmelung als Problem anerkannt – auch von den lokalen Behörden.
Ein breit gefächertes Netz
»Stop FGM in Kurdistan« ist ein Netzwerk von lokalen und internationalen Organisationen, von Menschenrechtsaktivisten, Kulturschaffenden und Journalisten. Ihr Zusammenschluss folgt dem Ziel, der Genitalverstümmelung ein Ende zu bereiten.
Deshalb organisiert das Netzwerk Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit, betreibt politische Lobbytätigkeit und leistet auch praktische Arbeit vor Ort. So unterhält etwa die Hilfsorganisation WADI mehrere mobile Aufklärungsteams in der Region.
Internationale Aufklärung
Jahre lang wurde international ignoriert, dass FGM auch im Irak praktiziert wird. Genitalverstümmelung, so hieß es vielfach, sei ein Problem Afrikas. An dieser Haltung hat sich dank der Kampagne »Stop FGM in Kurdistan« einiges geändert.
Im Jahr 2009 berichtete United Nations Assistance Mission for Iraq (UNAMI) erstmals von FGM in Kurdistan, UNICEF/Erbil schloss sich an. Kurz zuvor hatte WADI erste Ergebnisse einer groß angelegten Studie bekannt gegeben, wonach FGM in praktisch allen Teilen Irakisch-Kurdistans praktiziert wird. Die dann im Jahre 2010 veröffentlichte Studie belegt auch, dass FGM in den Städten ebenso verbreitet ist wie auf dem Lande. Auch »Human Rights Watch« wird in Kürze eine eigene Untersuchung zum Thema vorlegen, welche die Ergebnisse der WADI-Studie bestätigt.
Heute können wir konstatieren, dass Genitalverstümmelung in Kurdistan als ein international unbestrittenen Faktum angesehen wird. Alle Berichte zum weltweiten Problem FGM werden zukünftig auch Kurdistan thematisieren müssen. Landkarten über das Verbreitungsgebiet von FGM werden zur Zeit neu überarbeitet. Wer heute noch behauptet, FGM sei ein »afrikanisches Problem«, wird eines Besseren belehrt. Das ist der unbestrittene Erfolg der Kampagne.
Ausblick
Doch es geht weiter: noch immer hat das kurdische Regionalparlament den im Jahr 2008 verabschiedeten Gesetzentwurf zum Verbot von FGM nicht ratifiziert. In dieser Legislaturperiode soll allerdings, Ankündigungen zufolge, über FGM beraten werden.
WADI kann mittlerweile auch in der Region Kirkuk Aufklärungsarbeit leisten, wo zuvor die unstete Sicherheitslage die Arbeit mit dem sensiblen Thema unmöglich machte. In Kooperation mit der lokalen NGO »Pana« ist hier nun ein mobiles Anti-FGM-Team unterwegs.
Derweil erreichen uns Nachrichten aus dem iranischen Teil Kurdistans, die nahelegen, dass die Verstümmelungsraten dort ähnlich hoch liegen wie im kurdischen Nordirak. Aus dem Iran hören wir auch, dass FGM an den Grenzen der kurdischen Gebiete nicht halt macht, sondern offenbar weit darüber hinaus geht und auch in manchen rein schiitischen Gegenden verbreitet ist.
Jede Spende hilft
Um das Erreichte dauerhaft zu sichern und weitere Fortschritte zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Unterstützung. Jede Spende hilft. Die offene Diskussion über FGM bringt die Menschen, vor allem in ländlichen Gebieten, noch nicht zwangsläufig dazu, diese grausame »Tradition« auch aufzugeben. Hier ist noch viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit notwendig. Dafür muss auch die Regierung mit ins Boot geholt werden. Und das funktioniert nur mit Druck von unten. Die Kampagne »Stop FGM in Kurdistan« hilft dabei.



